DAS HAUS OHNE NAMEN

DAS HAUS OHNE NAMEN – von Ceyda Kaya

 

Louis, sieben Jahre alt und immer auf der Suche nach neuen Abenteuern, lebte in einem Dorf, welches so abgeschieden war, dass es so aussah, als hätte die Welt es vergessen. Die Wälder um das Dorf herum waren dicht und dunkel, die Felder weit und still, als würden sie etwas verstecken. Das Dorf selbst war ruhig, fast zu ruhig. Es lag etwas in der Luft, das man nicht genau beschreiben konnte, das aber ein unangenehmes Gefühl im Bauch hinterließ.

Doch für Louis und seinen besten Freund Maxi war das Dorf der perfekte Spielplatz. Sie kannten jede Ecke, jeden Stein und jeden schmalen Weg, der durch die Wälder führte. Der alte Spielplatz am Dorfrand war ihr Zufluchtsort. Und so kam es, dass dieser Mittwoch anders werden sollte als alle vorherigen.

Jeden Mittwoch direkt nach der Schule, gingen die beiden zu dem alten Spielplatz am Rand des Dorfes. Der Spielplatz war in einem sehr schlechten Zustand: Die Schaukeln quietschten laut, die Wippe war kaum noch benutzbar und die Rutsche stand schief, als würde sie bald umfallen. Aber das störte Louis und Maxi nicht. Für sie war dieser Platz ein magischer Ort, an dem die Zeit stehen blieb und jedes Abenteuer möglich war. An diesem besonderen Mittwoch entschieden sie sich, Elfmeterschießen zu spielen. Maxi stand im Tor und Louis schoss die Bälle mit aller Kraft. Sie spielten stundenlang und lachten, bis sie schließlich erschöpft auf dem Bordstein vor dem Spielplatz saßen und auf den Eiswagen warteten, der normalerweise um diese Zeit kam. Doch der Eiswagen kam nicht. Die Minuten vergingen und die Jungs wurden ungeduldig. Um sich die Zeit zu vertreiben, warfen sie sich den Ball zu. Louis warf den Ball schließlich etwas zu stark, und er flog über den Zaun in einen Garten hinter einem dichten Busch. „Ich hol ihn“, sagte Maxi und sprang auf. Er kämpfte sich durch das dichte Gebüsch und stand vor einem alten, verfallenen Haus. Die Wände waren grau und bröckelig, die Fenster staubig und man konnte nicht hindurchsehen. Maxi zögerte, aber dann sah er eine Klingel an der Tür und drückte sie.

Die Tür öffnete sich überraschend schnell, und eine alte Frau kam heraus. Sie hatte ein faltiges Gesicht und lächelte seltsam. Ihre Augen funkelten aber lebendig. „Hallo, mein Junge“ sagte sie freundlich, aber Maxi bekam ein komisches Gefühl. „Warum bist du hier?“ „Mein Ball… ist in Ihren Garten geflogen“, sagte Maxi höflich, „könnte ich ihn bitte zurückholen?“ Die alte Dame lächelte noch mehr. „Natürlich, mein Lieber“, sagte sie und machte eine einladende Geste, „aber vorher… würdest du mir vielleicht einen kleinen Gefallen tun? Ich bin schon so alt und kann diese schweren Einkaufstüten kaum tragen. Wärst du so lieb und würdest mir helfen?“ Maxi zögerte kurz, sah dann aber die zwei vollen Taschen, die die alte Frau neben sich abgestellt hatte. Es konnte doch nichts Schlimmes daran sein, einer alten Dame zu helfen, oder? „In Ordnung“, sagte er schließlich und hob die Taschen auf. Sie waren überraschend schwer. Maxi folgte der Frau in das Haus und bemerkte nicht, wie die Tür hinter ihm langsam ins Schloss fiel. Er stellte die schweren Taschen in den dunklen Flur des Hauses. Seine Augen sahen sich um. Das Haus wirkte von innen noch älter und gruseliger als von außen. Es roch ekelhaft und die dunklen, staubigen Möbel machten ihm Angst. Alles in ihm wollte so schnell wie möglich raus. „Willst du deinen Ball nicht wiederhaben?“ fragte die alte Frau plötzlich, als sie an ihm vorbei zur Tür zurückging. Maxi drehte sich zu ihr um und nickte nervös. Die alte Frau lächelte ihn wieder an, aber diesmal sah es  noch seltsamer aus. Sie ging zur Tür und schloss sie mit einem lauten Klicken ab. Maxi hielt den Atem an. Er war jetzt in einem fremden, unheimlichen Haus, und niemand außer Louis wusste, dass er hier war. Der wartete draußen und ahnte nichts.

„Setz dich doch mein Lieber“ sagte die Frau bestimmt. Sie zeigte auf einen alten, abgenutzten Sessel in der Ecke des Wohnzimmers. Maxi zögerte kurz, bevor er sich schließlich setzte. Sein Blick wanderte zu den Fenstern. Sie waren mit schweren, dunklen Vorhängen bedeckt. Kein Licht kam herein, das Haus schien von der Außenwelt abgeschlossen zu sein. „Ich hole dir den Ball“, sagte die Frau, aber anstatt gleich in den Garten zu gehen, verschwand sie in einem der hinteren Räume. Maxi hörte ihre leisen Schritte und dann ein seltsames Kratzen, das aus der Tiefe des Hauses zu kommen schien. Ihm lief es kalt den Rücken hinunter. Da wurde das Kratzen lauter. Es klang, als würde etwas Schweres über den Boden geschoben werden. Maxi stand auf, sein Herz schlug schnell. Die Angst wich der Panik. Er schaute zur geschlossenen Tür und überlegte, wie er entkommen könnte. Dann hörte er ein anderes Geräusch. Es klang wie ein leises Atmen, als hätte jemand Schwierigkeiten, Luft zu bekommen. Die Schritte der alten Frau kamen näher, und plötzlich stand sie wieder in der Tür. Aber sie trug nicht den Ball. Stattdessen hielt sie einen alten, staubigen Schlüssel in der Hand, den sie fest umklammert hielt. „Du bleibst hier mein Junge“ sagte sie plötzlich mit einer Stimme, die nicht mehr freundlich war. Ihre Augen funkelten böse. „Ich habe lange auf jemanden wie dich gewartet.“ Maxi wich langsam zurück, und seine Beine stießen gegen den alten Sessel. Er sah sich verzweifelt um, aber der Raum fühlte sich an, als würde er immer enger werden, wie eine Falle. Warum… warum machen Sie das?“ fragte er mit zitternder Stimme. Die alte Frau lachte leise, aber es war ein kaltes, gemeines Lachen. „Du wirst es bald sehen“, flüsterte sie und kam langsam auf ihn zu. „Hier im Haus gibt es viele Dinge, die ein Junge wie du noch nie gesehen hat. Und manche von ihnen warten schon sehr lange.“ In diesem Moment hörte Maxi wieder das seltsame Keuchen und eine dunkle, schattenhafte Gestalt kroch langsam aus einem der hinteren Räume. Sie hatte lange, dünne Arme und Augen, die in einem schmutzigen Gelb leuchteten. Die Kreatur kroch langsam auf ihn zu, ihr Atem war schwer und klang unheimlich. Maxis Herz pochte laut in seiner Brust. Panisch rannte er zur Tür und versuchte sie zu öffnen, aber sie war fest verschlossen. Er blickte sich schnell um. Seine einzige Möglichkeit zur Flucht war, eine schmale Treppe, die in den oberen Stock führte. Ohne zu überlegen, stürmte er die Treppen hinauf, während hinter ihm das Kratzen und das schwere Atmen immer lauter wurden. Oben angekommen, stieß Maxi eine schmale Tür auf und warf sich hinein. Schnell schloss er die Tür hinter sich und lehnte sich, schwer atmend, dagegen. Er war auf einem Dachboden voller alter, staubiger Kisten und Gerümpel. Das Licht war schwach und die Luft alt und muffig. Doch Maxi wusste, dass die Kreatur nicht weit entfernt war. Er hörte, wie die schwere Tür unten knarrte, und dann das schleppende Geräusch, als die Kreatur die Treppe hinaufkletterte. Maxi musste schnell handeln. Er schaute sich hektisch um und entdeckte in einer Ecke des Dachbodens eine Luke. Sie war klein, aber vielleicht groß genug, sodass er hindurchpasste. Das Kratzen wurde immer lauter. Die Kreatur war direkt vor der Tür. Maxi wusste, dass er keine Zeit mehr hatte. Er rannte zum Fenster und ersuchte es zu öffnen. Es war alt und klemmte, aber er drückte mit aller Kraft dagegen. Hinter ihm hörte er, wie die Tür aufgestoßen wurde. Sein Herz schlug wild. Die Kreatur war direkt hinter ihm, ihre schweren Atemzüge drangen in sein Ohr. Maxi spürte schon den fauligen Atem im Nacken. Mit einem letzten, verzweifelten Stoß schaffte er es, das Fenster aufzudrücken. Kühle Nachtluft strömte herein. Ohne zu zögern zwängte sich Maxi durch die enge Öffnung. In dem Moment, als er durch das Fenster kletterte, hörte er das Geräusch von Krallen, die sich über den Boden des Dachbodens bewegten.

Maxi fiel unsanft auf das Dach des Hauses, rollte sich ab und blieb für einen Moment liegen. Sein Körper zitterte, aber er wusste, dass er nicht lange verschnaufen konnte. Er hörte, wie die Kreatur das Fenster erreichte und mit ihren Krallen versuchte, hindurchzukommen. Schnell stand er auf und balancierte vorsichtig über das schräge Dach. Unter ihm sah er die Schatten des Gartens und die hohen Büsche, durch die er vor kurzem hierher gelangt war. Er wusste, dass er springen musste, auch wenn die Höhe gefährlich war. Mit einem letzten Blick zurück auf das Haus, in dem die Kreatur ihre Finger durch das Fenster streckte, sprang Maxi vom Dach. Er landete hart auf der  Wiese des Vorgartens, seine Beine knickten weg und er blieb schwer atmend liegen. Aber er war in Sicherheit. Er hatte es geschafft. Maxi hörte die alte Frau im Haus wütend kreischen. Die Kreatur konnte nicht durch das enge Fenster klettern und zog sich mit einem wütenden Knurren zurück. Das Haus wurde still und dunkel hinter den geschlossenen Vorhängen. Maxi wusste, dass er nie wieder hierher zurückkehren würde. Langsam stand er auf, seine Beine zitterten immer noch vor Erschöpfung. Er sah sich um und entdeckte Louis, der am Eingang des Gartens stand, mit weit aufgerissenen Augen vor Schock.

„Maxi!“ rief Louis, als er seinen Freund erkannte und zu ihm rannte. „Wo warst du? Ich habe dich überall gesucht!“ Maxi umarmte seinen Freund fest und Tränen der Erleichterung traten ihm in die Augen. „Lass uns hier verschwinden“, sagte er leise. Ohne ein weiteres Wort drehten sich die beiden um und rannten so schnell sie konnten weg von dem unheimlichen Haus, weg von der alten Frau und der dunklen Kreatur, die in den Schatten lauerte. Der Ball war vergessen, und der Eiswagen spielte keine Rolle mehr. Alles, was zählte, war, dass sie entkommen sind. Als sie endlich den Spielplatz erreichten, blieb Maxi stehen und schaute zurück auf das Haus, das nun in der Dunkelheit verschwand. „Wir kommen hier nie wieder her“ flüsterte er. Louis nickte, ohne eine Frage zu stellen. Sie brauchten keine Erklärung. Beide wussten, dass dieser Tag nie wieder erwähnt werden würde. Aber in den Nächten, in denen Maxi nicht schlafen konnte, würde er manchmal noch das Keuchen und das Kratzen hören, tief in seinen Erinnerungen, als ob die Kreatur ihn immer noch suchte.