„Sei a Mensch“ – Margot Friedländer, Danas Rede vom Schweigemarsch

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitschülerinnen und Mitschüler, liebe Gäste,

es gibt eine Frau, deren Worte uns bis heute begleiten: Margot Friedländer. Als Überlebende des Holocausts hat sie unermüdlich jungen Menschen von ihrem Leben erzählt. Doch nicht nur ihre Vergangenheit wollte sie weitergeben – sie wollte vor allem eine Botschaft hinterlassen, eine alte jiddische Weisheit: „Seid Menschen!“

Zwei einfache Worte – und doch von großer Bedeutung.

Menschsein bedeutet Verantwortung zu übernehmen und Mitgefühl zu zeigen. Es heißt, aufeinander zu achten, füreinander da zu sein, Rücksicht zu nehmen, Unterschiede zu tolerieren und einander zu helfen. Manchmal erfordert das auch Mut – den Mut, für das Richtige einzustehen, um ein friedliches Zusammenleben zu bewahren. So entsteht eine Gemeinschaft, die von Solidarität, Menschlichkeit und gegenseitigem Respekt getragen wird.

Traditionell sagen Jüdinnen und Juden diese Botschaft auf Jiddisch: „Sei a Mensch.“

Damit jeder sie verstehen konnte, sagte Margot Friedländer diesen Satz auf Deutsch – und trug so die alte Weisheit in eine neue Generation. Denn „Seid Menschen!“ ist nicht einfach nur eine Aufforderung – es ist ein Auftrag an uns alle: im Alltag hinzusehen, wenn andere ausgegrenzt oder angegriffen werden. Es erinnert uns daran, menschlich zu handeln – nicht nur zu reden, sondern zu handeln.

Margot Friedländer hat auch einmal gesagt: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war. Aber ihr seid verantwortlich dafür, dass es nicht wieder geschieht.“

Wir sind nicht die Täter von damals, aber wir sind die Generation, die verhindern muss, dass sich diese Geschichte in irgendeiner Form wiederholt.

Erinnerung ist also nicht nur Vergangenheit – sie ist Gegenwart und Zukunft zugleich.

Wenn wir heute hier stehen, Seite an Seite – Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Glaubensrichtung und Geschlechts – und schweigend mit Kerzen in den Händen gehen, dann tun wir das, um genau dieser Ausgrenzung entgegenzuwirken!

Wir zeigen, dass Intoleranz, Ignoranz und Wegsehen die größten Gefahren für unser Zusammenleben sind. Wir können diese Spaltung nur überwinden, wenn wir den Appell ernst nehmen, den Margot Friedländer uns mitgegeben hat.

Doch die Frage bleibt: Wie gehen wir heute mit dieser Vergangenheit um?

Deutschland hat eine starke Erinnerungskultur. Mit Mahnmalen, Stolpersteinen und Gedenkveranstaltungen wie diesem Schweigemarsch wird der Holocaust tagtäglich wieder in unsere Erinnerung gerufen.

Aber gleichzeitig gibt es Stimmen, die das ablehnen: Manche fordern einen „Schlussstrich“, andere leugnen den Holocaust oder äußern sich zynisch positiv zu dem, was in der Vergangenheit passiert ist.

Besonders deutlich zeigt sich das in den sozialen Medien. Unter Videos über Auschwitz liest man Kommentare voller Hass und Verachtung. Da heißt es etwa: „… War doch gar nicht so schlimm …“ oder „… Nach einem Jahr Renovierung ist es wieder benutzbar…“ Manche posten solche Sätze sogar mit Lach-Emojis als wäre es ein Witz. Andere leugnen die Verbrechen völlig und behaupten, alles sei nur erfunden und nie geschehen.

Solche Worte sind nicht nur respektlos, sie sind gefährlich. Sie machen deutlich: Hass und Intoleranz sind nicht verschwunden: Antsemitismus hat neue Formen angenommen.

Das NEIN zum Antisemitismus ist eine Sache, die von jeder Generation erneut verteidigt werden muss.

Antisemitismus ist leider auch heute, gerade unter Jugendlichen, ein Problem. Jüdische Kinder werden von ihren Eltern gebeten, ihren Magen-David oder ihre Chai-Kette abzunehmen. Manche tun es auch von sich aus, aus Angst beleidigt, bedroht oder gedemütigt zu werden. Das allein zeigt, wie tief diese Angst reicht: Junge Menschen verstecken ihre Identität, um nicht zum Opfer zu werden. Das Judentum ist Teil ihrer Identität – ein Teil, den sie, wie jeder andere Mensch auch, nicht verstecken wollen. Doch die Angst, angegriffen zu werden, nur weil sie jüdisch sind, ist zu groß. Und diese Angst ist real. Immer wieder werden Menschen in Deutschland auf offener Straße beschimpft, geschlagen oder verspottet – nur weil sie einen Davidstern tragen oder eine Kippah auf dem Kopf haben.

Antisemitismus ist also nicht Vergangenheit – er  ist Gegenwart – mitten in unserer Gesellschaft.

„Seid Menschen!“ – das ist nicht nur ein Zitat. Es ist ein Aufruf an jeden Einzelnen von uns.

Es bedeutet: Steht auf, wenn ihr Ungerechtigkeit seht. Sprecht, wenn andere schweigen.

Hört zu, wenn jemand Hilfe braucht.

Haltet euch nicht zurück, wenn ihr Zeugen von Hass seid – sondern zeigt, dass Menschlichkeit stärker ist als Ablehnung, Intoleranz und Ignoranz.

Ich bitte euch alle: „Sei a Mensch.“

Für euch selbst!

Für die Menschen um euch herum!

Für unsere Gesellschaft – für die Zukunft!